Über Silvester. Oder auch über die Abgründe menschlichen Handelns!

Zum Glück isses vorbei. Das Grauen. Das Übel des Jahres. Der Selbstbetrug und das Massenrumlügen. Es wird auch Silvester genannt.
Warum tut sich der Mensch eigentlich so etwas an? Keiner mag es, jedem ist es zu viel, aber alle machen mit. Man muss ja. Es ist ja ein gesellschaftlich-verankerter Ritus, den man nicht einfach so weglassen [...]

Die Welt ist eigentlich ein großer Topf Kräuterquark in dem sich Quark, Pfeffer, Salz und Lauch mit menschlicher Arroganz, Dummheit und Überheblichkeit zu einem Geschmackskonglomerat vermischen und einen beißenden Nachgeschmack hinterlassen. Mahlzeit!

Zum Glück isses vorbei. Das Grauen. Das Übel des Jahres. Der Selbstbetrug und das Massenrumlügen. Es wird auch Silvester genannt.

Warum tut sich der Mensch eigentlich so etwas an? Keiner mag es, jedem ist es zu viel, aber alle machen mit. Man muss ja. Es ist ja ein gesellschaftlich-verankerter Ritus, den man nicht einfach so weglassen kann. Schließlich endet ja jedes Jahr einmal und ein Neues beginnt. But why are people makin such a big fuss ´bout it? Das muss man mir noch mal erklären. Bildungslücke oder einfach nur ein normales Verständnis des Seins?

Jedes Jahr am letzten Dezembertag gibt es dasselbe Spektakel. Schon Tage vorher sammeln sich allerlei Kreaturen in diversen Einkaufsparadisen, wie Lidl, Aldem oder Spar, und kaufen. Nein, eigentlich kaufen sie nicht. Sie horten. Sie sammeln. Schon am Parkplatz, kurz vor dem Aussteigen aus dem Auto drehen sie den Einkaufschip nervös in der Hand.(Den Chip haben sie ne Woche vorher von einer billigen, gebräunten Promoterin an einem Handyladen in die Hand gedrückt bekommen „Willst du auch bei unserem Gewinnspiel mitmachen?“ „Nee du mittelmäßig intelligente Verteilerplinse! Seh ich so aus? Bevor du mit mir redest, schaff dir erstmal ein bissl Hirnmasse an.“) Mit diesem Chip beginnt der Kampf um den besten Korb, den besten Platz an der Fleischtheke und im Knabbereien-Regal. Die Körbe platzen, sind zum Bersten gefüllt. 4,5,6 – 7 Flaschen Sekt. Ganz viel Bier und Wodka. Und wenig Verstand. Der passt ja auch nicht mehr in den Korb. Obwohl von dem noch ganz viel im Regal liegt. Nicht der Superseller, irgendwie.

Wenn dann alles gekauft ist, geht’s nach Hause. Schließlich muss man sich ja auf die Mega-Party vorbereiten. Mega-Party. Toller Ausdruck. Schon seit Tagen belästigen uns die Medien mit Ankündigungen für die beste Party in Town. Freibier und Kostenlos-Billig-Sekt nach Null Uhr. Für alle. Oder manchmal auch nur für die „Ladys“. Aber nur wenn sie keinen Slip tragen. Oder sich von einem hässlichen Dummstripper, der keinen Satz geradeaus sprechen kann, billigen Pseudo-Champagner von der Bar in den Mund kippen lassen. Frei nach Coyote Ugly. Hier ist es wohl eher Coyote Dumm. Passt zum Umfeld. Der Eintritt ist natürlich erschwinglich. 20 Euro. Echt. Für Silvester ein Schnäppchen. Auch wenn der Abend in dem Club genauso ist wie jeden Samstag, an dem man dort ist und nur 4 Euro zahlt. Nix anderes. Aber es gibt ein Mitternachtsbuffet. Dosenkartoffelsalat und Häppchen. Das wird später alles rausgekotzt. Die Umrisse des Kotzfleckes sieht man dann bis Juli auf dem Bürgersteig.

Doch man muss nicht zwangsweise in einen Club gehen. Man kann auch auf eine Privatparty gehen. Beim Homie um die Ecke. „Für Essen und Trinken ist gesorgt. Wer Sonderwünsche hat, muss sich sein Trinken selbst mitbringen.“, heißt es in der Einladungsemail. Natürlich an einen selbst gerichtet – aber im cc stehen ungefähr noch 100 andere Emailadressen. Der Gastgeber ist also ein sozial gut eingebettetes Tier, mit vielen Kontakten und der Fähigkeit menschliche Beziehungen zu pflegen. Respekt. Das soll der Eingeladene denken. Dass von den 100 versendeten Mails die Hälfte zurück kam, weiß ja keiner. Und am Ende heißt es: die Wohnung ist ja auch nicht soooo groß. „Ich musste mich auf den engen Freundeskreis beschränken“. Knick Knack. Um 20 Uhr geht’s los. Besonders aufregend ist bei vielen auch schon der Weg zum Ziel. Das bedeutet, der Weg zur Party. Das Röckchen kurz, die Hose hängt tief und die Flasche sitzt. Elegant, schlank und wie von Gott designt liegt die Sektflasche in der Hand des Weibchens. Es ist kalt draußen. Der Flaschenhals friert beinah im Händchen fest, aber das ist egal. 2-, 3- und 4-mal angesetzt, schon merkt man die Kälte nicht mehr. Lustig wird die Flasche beim Laufen von Mund zu Mund gereicht. Eine alkoholisch-orale-Sekt-Massen-Orgie mit Bakterienaustauchscharakter. Schnell wird getrunken. Muss ja alle werden. Auch wenn die zu erreichende Partylocation im Haus gegenüber liegt. Die Gäste trudeln ein. Heute kommen alle mal nicht erst nach 1 Uhr. Das wär ja auch sinnlos. Die Bude füllt sich. Rumsteher hier, Plauderer da. Der Nudelsalat auf dem Tisch an der Wand wird mit dem Löffel durchlöchert, die Hälfte liegt auf dem Laminatboden davor. Das sichere Zeichen, dass der Alkoholkonsum steigt oder der Löffel zu klein war. Klack, Zisch, Peng – machen die Bierflaschen und Sektpullen. Besonderer Dank gilt auch den edlen Modedesignern, die für den heutigen Abend schicke und edle Silvesteroutfits entworfen haben und denen sich besonders das weibliche Silvesterwesen bedient hat. Schwarz ist es meistens. Oder weiß. Ein bisschen Glitzer ist dabei. Und der Rücken ist frei. Da kann dann lustig, dümmlich gekichert werden, wenn ein volltrunkener Silvesterhoschi versehentlich Sekt auf den Rücken kippt. „Ups, das muss ich wohl ablecken“. Welch Opfer.

Null Uhr. Abgründe tun sich auf. Menschliche Abgründe bestehend aus den widerwärtigen Verhaltensweisen der meisten Erdenbürger: gespielte Freude, Zwielichtigkeit und Heuchelei gepaart mit Lügen und Betrügen, Unehrlichkeit und vielen Alkoholfahnen. Das alte Jahr ist vorbei, das Neue beginnt. Und es wird angestoßen. Jeder mit jedem, einmal, zweimal, dreimal, bekannter- und unbekannter Weise, schnell, langsam, doppelt und dreifach, mit Lachen und Küssen, Knutschen und Drücken – Silvester mit Swingerclub-Charakter halt. Und die Lügen beginnen: „Frohes neues Jahr.“, „Dir auch“. „Ich wünsche dir ein erfolgreiches Jahr“. „Bla, dir auch.“, „Gröööööhl.“, „Happy new year“, „Ich hoffe es klappt alles wie du es dir wünschst“. „Bla Bla Blubb. Das wünsch ich dir auch.“.

Jeder sagt es, keiner meint es so.

Auch fremde Menschen wünschen sich dies. Vor gerade mal einer Stunde kennengelernt, aber sich schon dreimal aufm Klo untenrum angefasst, wünschen sie sich nun Erfolg und Glückseligkeit, dabei kennen sie nicht mal ihre Namen. Besonders interessant sind auch die „Nachrichtenüberbringer“. Das sind Menschen, die jemanden kennen, ihn aber lange nicht gesehen haben, bei der Party aber nun jemanden sehen, der den oder diejenige kennt. „Mensch, die Welt ist ja klein. Dass ich dich hier treffe. Ist eigentlich XY auch hier? Wie geht’s ihm oder ihr und was macht sie oder er denn so? Bestell doch mal schöne Grüße!“. Toll. Wieder ein menschlicher Abgrund. Hat es nicht einen Grund, dass er oder sie keinen Kontakt zu ihm oder ihr hat? Ist einem kurzzeitig entfallen, dass er oder sie einen eigentlich gar nicht mehr leiden mag und man eigentlich froh ist, keinen Kontakt zu haben? Interessiert man sich nun auf einmal wieder für die „angeblich ja so vermisste Person?“ Dafür hätte man doch auch das ganze Jahr Zeit, oder? Zum Glück gibt’s ja Silvester. Da fällt einem das wieder ein. Wie falsch und berechnend können Menschen sein? Der Befragte muss sich ja auch doof vorkommen. Wird er nicht eigentlich gerade missbraucht? Er dient zum Ausfragen über den lang nicht mehr Gesehenen, als Informationsbeschaffungsquelle. Um ihn selbst geht es gar nicht und der anderen Person ist der Befragte völlig egal. Hauptsache er erzählt ein bissl über das interessante Leben des Anderen. Normalerweise würde er oder sie über sie oder ihn gar nicht reden. Aber die geistige Umnachtung durch diverse Alkoholika muss man ja ausnutzen. Alkohol macht redewillig. Infos erhält man, verarbeitet man und merkt man sich. Und der Missbrauchte und Befragte kann sich nicht wehren, plaudert lustig drauf los und wird sich am nächsten Tag auch nicht mehr erinnern. Das ist alles wahre Freundschaft. So uneigennützig.

Und am nächsten Morgen ist alles vorbei. Dreckig ist es und geht es auch vielen. Warum nur? Vielleicht weil sie wieder einen Abend voller Boshaftigkeiten und menschlicher Übelkeiten sowie Charakterprostitution hinter sich gebracht haben und der liebe Herr all diese Verhaltenssünden mit Brechattacken und Kopfschmerzen bestraft?

Nein das kann nicht sein. Der Alkohol wars natürlich.
IN DIESEM SINNE: HAPPY NEW YEAR!
Ach ja: und viel Erfolg wünsch ich. Irgendwie.

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  1. [...] Also, alle Jahre wieder, das “Dinner for one” der Blogosphäre: Mein Beitrag zum Thema Silvester. [...]

  2. [...] Also, alle Jahre wieder, das “Dinner for one” der Blogosphäre: Mein Beitrag zum Thema Silvester. [...]

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