Hartz 4. Missbrauch. Faulheit. Sozialschmarotzer. Systemkriminelle. – Die Liste der Keywords der derzeitigen Hartz 4-Debatten könnte ewig so fortgesetzt werden. Klar, denn kaum wird das Geld knapp, muss geschaut werden, wo unnötig Geld verbraten wird. Sozialmissbrauch muss bekämpft werden und deshalb werden sie genau unter die Lupe genommen: die Hartz 4-Empfänger. Bekommen sie zu viel Geld? Stehen Hartz-4ler mit einem Minijob besser da als Vollzeitarbeiter? Regt das System zum Missbrauch an? Sind 1-Euro-Jobs zumutbar?
Viel wird lamentiert über Missbrauch, Regelsätze, das Existenzminimum und die Pflichten der ALG I- und II-Empfänger. Doch wer redet eigentlich über die Pflichten der Agentur für Arbeit? Sollte diese zusammen mit ihrer Blutsschwester Arge nicht eigentlich auch im Mittelpunkt der Diskussion stehen? Kommen beide ihren auferlegten Pflichten eigentlich nach? Lenkt die Hartz-4-Diskussion nicht eigentlich vielmehr von grundlegenderen Problemen ab?
Fakt ist: mit der Agentur für Arbeit und der Arge hat man sich ein System geschaffen, welches durchaus hilfreich bei Jobvermittlung sein könnte, doch mehr und mehr hat man das Gefühl, dass sich die Institutionen sich selbst im Wege stehen.
Fragen, die ich mir bisher gestellt habe und auch nach einem mehrmaligen konspirativen In-Mich-Gehen keine Antwort erhalten habe: eine Gedankensammlung am real existierenden Beispiel.
1. Wieso braucht man Fallmanager, die Daten für den Arbeitssuchenden in die Datenbank der neuen, viel umworbenen Jobbörse der Arbeitsagentur eintippen?
Hintergrund zur Frage
Er steht an: der Termin, in dem es um Vermittlungsangelegenheiten gehen soll. Vorher wurde postalisch der Lebenslauf inklusive Anschreiben und Zeugnissen samt einem ausgefüllten Formular mit persönlichen Angaben an den Fallmanager geschickt. Beim Termin wird klar: der Fallmanager hat lediglich die Daten in die Jobbörse eingegeben und erklärt dem Bewerber jetzt die Benutzung. Das hätte der Bewerber auch selbst tun können. Das Gespräch hat eine Stunde gedauert. Dem Fallmanager müssen teilweise Wörter buchstabiert werden, da sonst Rechtschreibfehler im öffentlichen Bewerberprofil auftauchen würden. Die geballte Kompetenz lässt den Bewerber von Minute zu Minute erröten. Er rutscht peinlich berührt auf seinem Stuhl herum und antwortet freundlich, damit die verlorene Zeit herumgeht.
2. Wieso kennt der Fallmanager sich nicht mit Einsatzmöglichkeiten des Bewerbers aus, wenn er doch den „Fall managen“ soll?
Hintergrund zur Frage
Beim Bewerber handelt es sich um einen Akademiker, genauer gesagt um einen Geisteswissenschaftler. Bekanntermaßen ist es schwierig diesem Hochschulabschluss einen konkreten Beruf zuzuordnen, da er mehr oder weniger in vielen Tätigkeitsfeldern einsetzbar wäre. Der Fallmanager muss sich den Studiengang erst erklären lassen, kann dem Bewerber in keiner Weise beratend zu Seite stehen und tippt dann wahllos und unwissend Daten in das Profil ein. Alles was über die Vorgaben der Datenbank semantisch hinausgeht, kann nicht erfasst werden. Ein Blick über den „Tellerrand“ ist mit dem Profil der Jobbörse für einen Akademiker überhaupt nicht möglich und spiegelt in keiner Weise die Einsatzmöglichkeiten wider. Er wird in seiner Vermittlung eingeschränkt. Erfolgschance null. Sinnlosigkeit macht sie wieder breit. Wieso werden Fallmanager nicht entsprechend weitergebildet und über neue Berufe, neue Ausbildungen und Studiengänge nicht ausreichend geschult? Oder werden sie das? Warum scheinen sie sich mit allem, was nicht Krankenschwester oder Zahnarzthelfer ist, nicht auszukennen?
3. Wieso achtet die Bundesagentur für Arbeit nicht auf die Qualität der Unternehmen, welche die Jobbörse nutzen und die Daten der Bewerber einsehen?
Hintergrund zur Frage
Die Jobbörse ist voll. Tausende Jobangebote, tausende Firmen, die das komplette „Leben“ der Bewerber einsehen und mit ihnen in Kontakt treten können. Viele davon scheinen schwarze Schafe zu sein. Nach Fertigstellung des Profils fragt der Fallmanager, ob das Profil nun online gestellt werden soll oder nicht. Die Frage ist relativ sinnlos, denn nicht online gestellt, wird keiner auf das Profil zu greifen können und die Vermittlung könnte nicht geschehen. Der Bewerber hat also keine andere Wahl. Weiterhin wird gefragt, ob Unternehmen auch telefonischen Kontakt mit ihm aufnehmen können. Er sagt ja. Er kennt die Konsequenzen nicht und wird sich später ärgern. Mit einem Klick vom Fallmanager erscheinen auch die ersten Jobangebote. Die Frage: „Was würde Sie denn interessieren?“ wird mit „Na, ich nehm doch gleich mal das Erste da!“ beantwortet. Der Fallmanager würgt ab: „Also nein, das ist eine Personalvermittlung. Da brauchen Sie einen Vermittlungsgutschein. Den kriegen Sie aber erst nach 2 Monaten Arbeitslosigkeit.“ Randnotiz: die ersten 30 Suchergebnisse bestehen fast ausnahmslos aus Personalvermittlungen. Sinnlosigkeit par Excellenze. Und worauf nun bewerben?
Zum Fakt der telefonischen Kontaktaufnahme: seitdem das Profil samt Kontaktdaten veröffentlicht wurde, erhält der Bewerber regelmäßig lästige Anrufe von privaten Versicherungsagenturen oder Vermögensberatungen, um ihn für diverse Vertreterjobs anzuwerben. Er ist sehr genervt, vor allem weil der das Gefühl hat, dass seine gesamten Daten jedem x-beliebigen, nicht auf Seriosität geprüften „Unternehmen“ zur Verfügung stehen.
4. Hat die Afa heimlich einen Geldschrank in dem Geld für Papiermüll gehortet wird?
Hintergrund zur Frage
Seit der Arbeitssuchendmeldung hat der Bewerber einen hohen Stapel an Papieren, Formularen – oft in 3- und 4facher Ausfertigung doppelt und dreifach erhalten. Mit seinem Besucherausweisen kann er jetzt das Zimmer tapezieren, welches er extra anbauen muss, um die Schriftstücke der Afa zu lagern. Papiermüll, der in Form von Geld an anderen Stellen besser eingesetzt wäre, oder?
Wie ist das denn nun mit den Pflichten der Arbeitsagentur? Werden diese von der Geldverbrennungsmaschine selbst überhaupt erfüllt? Tut ein Mitarbeiterapparat, von dem anscheinend nicht alle Angestellten Ahnung von ihrer Tätigkeit haben, in diesem ohnehin schon überlasteten finanziellen Desaster Not? Hilft eine derartig wasserkopfähnliche Verwaltung zur Selbstverwaltung, die unüberwacht und nicht zeitgemäß scheint, dem Arbeitsmarkt überhaupt?
Fazit?
Fragen über Fragen, die nicht beantwortet werden können.
Der Bewerber, frustriert und genervt, wird später einen Job annehmen. Diesen Job wird er nicht mögen und sich weiterhin bewerben um sich ansatzweise seinem eigentlichen Berufsfeld zu nähern. Sein einzig erklärtes Ziel ist es: erstmal weg aus den Fängen der geballten Kompetenz namens Bundesagentur für Arbeit.
Das Fazit gibt gleichzeitig eine Antwort auf alle oben gestellten Fragen: Die Bundesagentur für Arbeit kann nun sagen: mission accomplished. Ein Arbeitssuchender weniger in ihrer Statistik. Die Zahlen stimmen.
Bravo und Chapeau!
Tags:arbeitsamt, Deutschland, peinlich, Traurig, widerlich

UND WAS NUN?